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Berührungsängste sind hier fehl am Platz

Besuch beim Selbstverteidigungskurs der Kampfsportgemeinschaft Arashi: Für Regeln und Ästhetik ist hier kein Platz. "Da hält der Angreifer sich im Ernstfall auch nicht dran", sagt Trainer Andreas Rohde. Zimperlich sollte man hier nicht sein.


Itzehoe (tc) – Stockfinster ist es hier am Mittwochabend, kurz nach 20 Uhr am Eckgebäude auf dem Gelände der ehemaligen Gudewill-Kaserne. Das schwache Licht der Leuchtwerbung der Kampfsportgemeinschaft (KSG) Arashi hoch oben am Haus reicht kaum bis auf den Weg, der von der Straße zum Eingang führt. Fast rechnet man damit, dass jemand aus dem Gebüsch springt, dann könnte gleich das angewendet werden, was oben im vierten Stock gelehrt Wert: Selbstverteidigung. Krav Maga. Keine Kampfkunst, kein Kampfsport, sondern ein Nahkampfsystem, das einzig das Ziel hat, möglichst unbeschadet aus gefährlichen oder bedrohlichen Situation zu entkommen

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Bei Krav Maga geht es nicht um Ästhetik oder Regeln, sondern um realitätsnahe Selbstverteidigung

Vierter Stock! Allein die Treppen dürften für das Aufwärmprogramm schon reichen, doch oben scheucht Trainer Andreas Rohde seine Kursteilnehmer zu hämmernden Bässen durch den Trainingsraum. Drei Frauen und drei Männer sind es heute, die gerade bei kurzen Sprints, Liegestütz und Sit-ups die Muskeln anheizen und die Sehnen dehnen. Vor zwei Jahren hat Rohde mit der Krav-Maga-Gruppe die jüngste Sparte der KSG Arashi gegründet, mittlerweile ist sie eine seiner größten Trainingsgruppe.
Krav Maga entstammt dem israelischen Militär. Es gibt keine Regeln, keine Punkte, keine Wettkämpfe. Und ästhetisch ist es auch nicht. „Wenn man in die Situation gerät, sich verteidigen zu müssen, wird sich auch kein Angreifer an Regeln und Ästhetik halten“, sagt Rohde. Das Training ist hochpulsig und hat eine vergleichsweise kleine Palette an Techniken, dafür werden Stressdrills inszeniert und Konfrontationen in Rollenspielen geübt.
Plötzlich fangen die Teilnehmer an, sich gegenseitig zu bepöbeln und anzuschreien und wollen sich an die Wäsche gehen. Rohde zeigt, wie man die Angreifer irritiert und angeht: Mit Geschrei und gezielten Schlägen. „Da ist die Halsschlagader, da zimmert ihr drauf, das schaukelt das Hirn schon mal gut durcheinander.“ Und dann möglichst abhauen und die Polizei rufen. Schläge blocken, in die Weichteile treten – Berührungsängste darf man beim Training nicht haben und in ernsten Situationen erst recht nicht, deswegen wird hier so real wie möglich trainiert. Nicht umsonst gehören Tiefschutz, Kopfschutz, Pads und Pratzen zum unverzichtbaren Zubehör. Hier im Training werden die Rollen und Trainingspartner gewechselt, Täter- und Opferrolle changieren.
Gerade hat Janin Hildebrand ihren „Angreifer“ zu Boden gebracht, hat ein Knie auf dem Nacken, das andere auf dem Rücken, den verdrehten Arm des „Täters“ fest im Griff. Seit fünf Wochen ist sie dabei. Hauptsächlich, so sagt sie, um ihre Fitness zu verbessern, aber auch um zu lernen, wie sie mit bedrohlichen Situationen umgehen soll. „Ich bin Läuferin, gerade im Dunkeln läuft das Unwohlsein immer mit, da gibt dieses Training echt eine gute Sicherheit.“ Sechs Monate, meint Andreas Rohde, dauere es ungefähr, bis Schläge, Tritte und Techniken so sicher sitzen, dass sie auch in Stresssituationen schnell abgerufen werden könnten. Dazu werden auch Angriffe mit Messer, Stöcken und sogar Pistolen geübt. Der durchaus auch mal ruppige Körperkontakt macht den drei Frauen hier nichts aus. „Das macht das Training direkt und realistisch“, sagt Janin Hildebrand.
   


„Es soll niemand den Helden spielen.“ (Trainer Andreas Rohde)

Zum Trainingsende dreht Andreas Rohde die Musik lauter, das Licht runter. Jetzt werden Angriffe im Dunkeln geübt, dann mit Stroboskoplicht. Der Stresspegel soll steigen. „In gefährlichen Situationen schießt einem auch sofort das Adrenalin in den Körper, dann sollen die Schüler die erlernten Techniken möglichst routiniert abrufen können.“ Wichtig ist ihm, dass sie wissen, wie sie aus dieser Situation herauskommen. „Denkt dran, es soll niemand den Helden spielen.“
Nach anderthalb Stunden ist das Training vorbei, es geht die vier Stockwerke wieder runter, raus auf den dunklen Weg. Auch wenn man nach dieser Trainingseinheit weiß oder zumindest den Hauch einer Ahnung hat, wie man sich verhält: ‘ne Lampe oder Laterne wär‘ schon nicht schlecht.